Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus


81. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz-Birkenau

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,
sehr geehrte Stadtverordnete,
liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
sehr geehrte Gäste,

wir haben uns heute hier in Luckenwalde versammelt, um zu erinnern.
Am 27. Januar 1945, vor 81 Jahren, erreichten Soldaten der Roten Armee das Vernichtungs­lager Auschwitz-Birkenau. Was sie dort vorfanden, sprengt bis heute jede Vorstellungskraft. Etwa 7.000 schwerstkranke, ausgehungerte Menschen, dem Tod näher als dem Leben. Über 1,1 Millionen Männer, Frauen und Kinder waren an diesem Ort zuvor systematisch ermordet worden.

Auschwitz steht als Symbol. Für den industriell organisierten Massenmord. Für den Zivilisationsbruch. Für den tiefsten moralischen Abgrund Europas.

Doch der Weg nach Auschwitz begann nicht erst dort.
Er begann hier. In Städten wie Luckenwalde.

Er begann am 30. Januar 1933 mit der sogenannten Machtergreifung. Innerhalb weniger Wochen wurden politische Gegner verhaftet, misshandelt, entrechtet. Sozialdemokraten, Kommunisten, Gewerkschafter. Bereits 1933 wurde mit Dachau das erste Konzentrationslager errichtet. Auch in Luckenwalde zeigte der Terror früh sein Gesicht.

Der Terror weitete sich aus.
1933 der Boykott jüdischer Geschäfte. Auch hier, in der Breiten Straße.
1935 die Nürnberger Rassegesetze. Jüdische Deutsche wurden zu Menschen zweiter Klasse erklärt.
1938 brannten die Synagogen. Auch Luckenwalder Juden wurden nach Sachsenhausen verschleppt, darunter Siegbert und Kurt Lewy, die nur unter der Auflage freikamen, Deutschland sofort zu verlassen. Die Konzentrationslager wurden zu Orten des Grauens. Zwangsarbeit bis zur völligen Erschöpfung, medizinische Experimente, systematische Entmenschlichung. Ab 1941 folgte die sogenannte „Endlösung“, der organisierte Massenmord an Juden, an Sinti und Roma, an Menschen mit Behinderungen, an Homosexuellen, an all jenen, die als „lebensunwert“ diffamiert wurden.

Meine Damen und Herren,

dieser Terror fand sein Ende nicht von selbst.
Er wurde militärisch beendet.

Die Befreiung von Auschwitz war das Werk der Roten Armee. Soldaten, die aus der Sowjetunion kamen, Russen, Ukrainer, Belarussen und viele andere. Sie ließen in unvorstellbarer Zahl ihr Leben im Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland. Mehr als 20 Millionen sowjetische Bürgerinnen und Bürger starben in diesem Krieg.

Diese Tatsache gehört untrennbar zu unserer Geschichte.
Wer Auschwitz gedenkt, darf die Befreiung nicht verschweigen.
Und wer an die Befreiung erinnert, schuldet den Befreiern Anerkennung und Dank, unabhängig von heutigen politischen Konflikten.

Doch es gab nicht nur Täter und Opfer.
Es gab auch Widerstand. Auch hier, in Luckenwalde.

Die „Gemeinschaft für Frieden und Aufbau“, eine der wenigen deutschen Widerstandsgruppen, in der Juden und Nichtjuden gemeinsam kämpften. Hans und Frida Winkler, die den jungen Eugen Herman in ihrer Wohnung versteckten und ihm das Leben retteten. Werner Scharff und andere, die illegale Flugblätter druckten und im ganzen Reich verbreiteten: „Wir wollen nicht länger zusehen, wie unsere Soldaten sich an der Front verbluten. Wir kämpfen für den sofortigen Frieden.“

Fast alle von ihnen wurden 1944 verhaftet.
Ihr Mut zeigt uns, man hatte eine Wahl. Man konnte widerstehen. Man musste nicht mitmachen.

Unser aller Gedenken sollte sich nicht im Rückblick erschöpfen. Es ist Mahnung und Verpflichtung zugleich, an uns, an unsere Gesellschaft, an unsere politische

Vernunft. Wir leben in einer Zeit, in der das Wort „Krieg“ in Europa wieder

alltäglich geworden ist. Eine Zeit, in der sich Fronten verhärten, in der

Misstrauen wächst und in der die Sprache der Diplomatie zunehmend von der

Sprache der Waffen verdrängt wird.

In Deutschland hören wir heute von der Notwendigkeit, „kriegstüchtig“ zu

werden, eine Formulierung, die aus der Politik kommt und an dunkle Zeiten

erinnert, in denen Aufrüstung und militärische Stärke über Frieden und Dialog

gestellt wurden. Verteidigungsminister Boris Pistorius hat diesen Begriff

geprägt, im Kontext einer Zeitenwende, die Deutschland zu höheren

Rüstungsausgaben und einer stärkeren NATO-Präsenz drängt. Doch was

bedeutet das für uns? Es bedeutet, dass wir uns auf Konflikte vorbereiten sollen,

anstatt sie zu verhindern. Es bedeutet, dass Ressourcen in Waffen fließen, die

einst für Bildung, Soziales und Klimaschutz gedacht waren. Und es birgt die

Gefahr, dass wir uns in einer Spirale der Eskalation wiederfinden, die Europa

bereits zweimal in den Abgrund geführt hat.

Gleichzeitig wird der „Feind“ Russland in der öffentlichen Debatte

hochstilisiert, als aggressiver, unberechenbarer Akteur, der isoliert und

bekämpft werden muss. In Reden von Politikern wird Russland oft als

Bedrohung dargestellt, die nur durch Sanktionen, Aufrüstung und Abschreckung

zu bändigen sei. Diese Stereotypisierung, die Reduktion eines ganzen Volkes

auf ein Feindbild, erinnert an die Propagandamechanismen vergangener

Epochen. Sie ignoriert die gemeinsame Geschichte, in der Russen und Deutsche

Seite an Seite gegen den Faschismus gekämpft haben. Sie vergisst, dass der

Krieg in der Ukraine nicht nur durch russische Aggression, sondern auch durch

jahrelange geopolitische Spannungen entstanden ist, die beide Seiten tragen.

Und sie riskiert, dass wir die Menschlichkeit der anderen Seite ausblenden,

genau wie es die Nationalsozialisten taten.

Die Geschichte zeigt uns, wohin das führt. Europa hat erlebt, was geschieht,

wenn Feindbilder die Vernunft verdrängen. Und doch hören wir heute wieder

Stimmen, die mit leichter Hand von Aufrüstung, Konfrontation und neuen

Bündnissen gegen alte Gegner sprechen als hätte es das alles nicht schon

gegeben. Diese Entwicklung darf uns nicht kaltlassen. Sie fordert unser

Gewissen heraus. Denn wer die Geschichte verdrängt, riskiert, sie zu wiederholen.

Meine Damen und Herren,

die Stolpersteine hier in Luckenwalde tragen Namen. Sie liegen zum Beispiel in der Poststraße, in der Zinnaer Straße, mitten unter uns. Es waren unsere Nachbarn. Menschen wie wir. Sie erinnern uns daran, dass Geschichte aus Entscheidungen besteht, aus Mitmachen, Wegschauen oder Widerstand.

Diese Entscheidung liegt auch heute bei uns.

„Kein weiteres Mal“ darf nicht nur an Gedenktage gelten.
Er ist eine tägliche Aufgabe.

Kein Faschismus mehr.
Kein Antisemitismus mehr.
Keine Entmenschlichung mehr.
Und gerade an diesem Ort, an diesem Tag auch,
Kein weiteres Mal Krieg als scheinbar normales Mittel der Politik.

Die Befreiung von Auschwitz mahnt uns, Menschlichkeit über Macht zu stellen, Dialog über Konfrontation, Frieden über Aufrüstung.

Frieden ist kein Zustand.
Frieden ist ein Tun.

Tragen wir diese Verantwortung hier in Luckenwalde, in unserem Land, in Europa. Ich danke Ihnen.

Vorgetragen von Manuel Hurtig